Es geht nur über Bildung – Gespräch mit Missionar Pater Weigel über Entwicklungszusammenarbeit

Heideck (dn) Vergangenes Wochenende feierte Pater Siegfried Weigel aus Heideck 50-jähriges Priesterjubiläum. Er ist im Landkreis Roth kein Unbekannter. Zusammen mit Landrat Herbert Eckstein rief er vor einigen Jahren bei der Aktion „Jeder Bürger einen Euro“ zu Spenden für die Entwicklungshilfearbeit in Papua-Neuguinea auf, in der er als Missionar selbst von 1967 bis 2008 aktiv war. Dieses Jubiläum und die anstehende, öffentliche Diskussion mit dem Bundesminister für Entwicklungszusammenarbeit Dr. Gerd Müller, MdB am Montag, 11. September in Rednitzhembach (19:00 Uhr, Gemeindezentrum) waren für unseren Kreisvorsitzenden Daniel Nagl Anlass, das Gespräch mit Pater Weigel zu suchen, um einen erfahrenen Mann der Praxis zu Entwicklungszusammenarbeit zu Wort kommen zu lassen.

Wer Pater Weigel im Gespräch gegenüber sitzt, erlebt einen besonnenen formulierenden Senioren, den sein bewegtes Leben als christlicher Missionar in der pazifischen Südseeregion gezeichnet hat. Bereits 1951, als 12-Jähriger am Steyler-Gymnasium in Ingolstadt, stand für den jungen Siegfried fest: ich werde Missionar. Da er eingeworfene Fensterscheiben mit Hilfe eines älteren Paters wenige Monate später einglasen musste, entdeckte Weigel auch früh seine zweite Berufung: die des Handwerkers. „Das hat wesentlich zum Gelingen meiner Missionsarbeit beigetragen“, bilanziert Weigel. Nach Abitur, Theologie-Studium bei Wien, Priesterweihe bei Chicago und Primiz in Roth wurde er 1967 als Steyler-Missionar nach Papua-Neuguinea entsandt. Dort wirkte Weigel als geistiger, aber auch weltlicher Aufbauhelfer. Aus dem Nichts errichtete er mehrere Schulen, Läden, zwei Kirchen, Wasser- und Abwassersysteme, Solaranlagen und Wasserkraftwerke, wirkte als Jugendarbeiter, Seelsorger, Schreiner, Maurer, Lehrer, Pferdezüchter, Radio- und Tontechniker, Post-Banker und organisierte neben all dem Spenden und Maschinen für die Missions- und Entwicklungsarbeit.

Schnell habe er als junger Missionar verstanden, dass es nicht zielführend ist, den Menschen Geld oder Infrastruktur gratis zu überlassen. „Die Deutschen sind zwar mit Beginn des Ersten Weltkrieges gerade rechtzeitig aus Papua-Neuguinea, ihrer alten Kolonie, rausgeflogen und von der aufgebauten Infrastruktur profitiert das Land zum Teil noch heute, aber grundsätzlich braucht es zuerst eine Wertschätzung des Aufgebauten durch Bildung und Teilhabe am Aufbau.“ Vor allem in historisch von kleinräumigen Stammesherrschaften geprägten Regionen sei dies ein großes Problem. „Neid und Anspruchsdenken der Gruppe an den erfolgreichen Einzelnen verhindern Vieles“, so Weigel und fügt hinzu: „Es geht nur über Bildung und die geht am besten über die Mütter.“ Da diese an einer besseren Zukunft für ihre Kinder interessiert seien, habe er früh volkshochschulähnliche „Mama-Groups“ aufgebaut und nach einigen Jahren ein Umdenken bemerkt. Dort, wo die Menschen mit Bildungsangeboten die Chance auf eine bessere Zukunft verbinden, werden diese in einem in Deutschland nahezu unvorstellbar hohem Maße unterstützt. „Da in Papua-Neuguinea der Staat lediglich das Gehalt der Lehrer bezahlt, gibt es nur dort neue Schulen, wo die Menschen bereit sind, selbst Schulen, Sportanlagen, Wohngebäude und Gärten zur Versorgung der Lehrer zu bauen. Da langt dann das ganze Dorf zusammen, rodet und baut. Man stelle sich das mal beim Neubau des Gymnasiums in Hilpoltstein vor“, so der 78-jährige Steyler-Missionar schmunzelnd.

Durch das Anstoßen solcher Projekte genießen die Missionare in der Bevölkerung ein höheres Vertrauen, als die politischen Eliten des Landes, wie Regierungsvertreter Pater Weigel bei der Verleihung der „Independence-Medaille“ zur Würdigung seiner Verdienste um den Aufbau des Landes 2003 wissen ließen. Der Geistliche riet ihnen, sich Gedanken darüber zu machen, warum dies so sei. Heute fügt er hinzu, dass aus seiner Sicht Entwicklungsarbeit nur dort gelingen wird, wo der Westen nicht nur lokalen Führungszirkeln Geld gegen Zusicherungen überlässt, sondern Entwicklungshelfer die Projekte verantworten und damit „einen Abfluss des Geldes in Richtung Politiker-Villa oder Privatflugzeug verhindern und gleichzeitig die Potentiale und Talente der Menschen aktivieren und sie zur Teilhabe mobilisieren.“ Dafür brauche es vor allem eine Sensibilität für Kultur, wie das hintersinnige Anknüpfen christlicher Missionare an die sogenannten „Cargo-Kulte“ der Einheimischen zeigt.

Arbeit mit denen, die da sind und den Weitblick, durch welche Motive Motivation erzeugt werden kann, fordert Pater Weigel auch mit Blick auf die aktuelle Entwicklungshilfe- und Asylpolitik. Ginge es nach dem erfahrenen Entwicklungshelfer, sollten zum einen mehr Start-Ups in Entwicklungsländern angeschoben werden. Auch sollten größere deutsche Unternehmungen Engagements in Entwicklungsländern verstärken und im Vorfeld anzeigen. Der Gedanke des Praktiker-Paters: jungen Asylbewerbern, die oft ohne Perspektive in Deutschland stranden, die Möglichkeit geben, mit Siemens und Co. und beruflicher Zukunft in ihre Heimat zurück zu kehren. Aus den Erfahrungen der internationalen Priester- und Missionarsausbildung der Steyler ist er überzeugt: „Dann würden die Anstrengung, die deutsche Sprache als Verständigungssprache zu lernen, ganz anders ausfallen, viele Regionen schneller auf die Beine kommen und die deutsche Gesellschaft und Wirtschaft profitieren“. Es wird interessant sein, was der Bundesminister zu diesem Thema sagt. Pater Weigel wird ihm aufmerksam zuhören.


No Replies to "Es geht nur über Bildung - Gespräch mit Missionar Pater Weigel über Entwicklungszusammenarbeit"