Naturschutzwende statt Agrarwende

SCHWANSTETTEN – Albert Dess ist Bauer mit Herz und Seele. Seit seinem 14. Lebensjahr ist der heute 71-jährige CSU-Politiker aus dem Neumarkter Stadtteil Röckersbühl in der Landwirtschaft aktiv. Als agrarpolitischer Sprecher seiner Fraktion kommt diese Kompetenz im Europaparlament voll zur Geltung. „Bei der Jungen Union im Kreis Roth gab es schon einmal mehr Landwirte“, stellte JU-Kreischef Daniel Nagl fest. Umso wichtiger sei es, fügte er beim Treffen mit dem Europaabgeordneten in Schwanstetten hinzu, den Kontakt zur Landwirtschaft nicht abreißen zu lassen. „Wir wollen das Gespräch mit den Praktikern suchen“, so Nagl.

Dess hat mit dem CSU-Nachwuchs einen Hof in Schwanstetten besucht und anschließend darüber berichtet, „wie Europa die bayerischen Bauern fordert und fördert“. Dabei sprach der CSU-Kreisvorsitzende und Landtagsabgeordnete Volker Bauer ein Kardinalproblem der Landwirtschaft in Deutschland an. „Es kann nicht sein, dass Opposition und Medien junge Landwirte unter Generalverdacht stellen, im Blick auf Hofübernahmen demotivieren und so das Höfesterben befeuern“, erklärte Bauer. Als besonders aktiv auf diesem Feld beschrieb Albert Dess verschiedene Verbände in Deutschland. „Sie sind nicht am fachlichen Dialog interessiert, sondern schüren mit hanebüchenen Vorwürfen ausschließlich Hysterie.“

Einige der anwesenden Landwirte aus dem Landkreis Roth bestätigten diese Einschätzung. „Unsere Kinder haben keine Lust, sich öffentlich beschimpfen zu lassen, obwohl sie 60 Stunden pro Woche und mehr arbeiten“, hieß es. Für Dess ein Unding. „Schließlich bietet die europäische Landwirtschaft 41 Millionen Arbeitsplätze und versorgt 500 Millionen Menschen mit hochwertigen Lebensmitteln“, schilderte er die Leistung der Höfe in Europa. Ein Nebeneffekt davon sei die Kulturlandschaft, ergänzte Thomas Schmidt. „Die Landschaft sieht nicht von Natur so aus, sondern weil wir sie seit Jahrhunderten bewirtschaften“, so der Kreisbauernchef.

Sowohl Dess als auch Schmidt sprachen sich gegen eine Renationalisierung der Landwirtschaftspolitik in Europa aus. Aufgrund übergenauen Handelns der deutschen Verwaltung, waren beide überzeugt, „würde es dabei die hiesigen Landwirte am meisten erwischen“. Auch im Verhältnis des Europaparlaments zu den nationalen Fachministern nimmt der Landwirt kein Blatt vor den Mund: „Früher wurden EP-Beschlüsse gelegentlich von Agarministern inhaltlich verbessert. Heute macht das Parlament die bessere Agrarpolitik.“

Mit Blick auf Biodiversität und Bodenbrüter kritisierte Dess, dass in den vergangenen Jahren durch die Förderung von Sträuchern und Streuobst auch ideale Ansitzmöglichkeiten für Raubvögel geschaffen wurden. Viele der zu schützenden Arten seien außerdem Kulturfolger und fühlten sich nachweislich in landwirtschaftlich genützter Fläche wie Maisäckern wohl, da sie hier Deckung fänden. Deshalb habe er durchgesetzt, dass auch Deckung bietendes Elefantengras auf ökologischen Vorrangflächen gepflanzt werden darf.

In Sachen Artenschutz waren sich Bauer, Dess und Nagl einig, dass beim Umgang mit Wolf, Kormoran und Biber so pragmatisch gehandelt werden müsse wie beispielsweise in den baltischen Ländern. „Eine Art mehr, einige andere weniger, das kann es nicht sein“, sagte Volker Bauer insbesondere mit Blick auf den Wolf. Er sei dankbar, dass man in Bayern nun einen gangbaren Weg zu seiner Entnahme gefunden habe, so Bauer, der seit kurzem auch Präsident des mittelfränkischen Jagdverbands ist.

Der Leerstettener Landwirt Robert Volkert berichtete in einem fachlich versierten Kurzreferat, dass diese Erkenntnis mittlerweile auch durch ein wissenschaftliches Gutachten im Auftrag der Bundesregierung befördert worden sei. Selbst die grüne Landesregierung in Baden-Württemberg habe zwischenzeitlich erkannt, dass das Entfernen von Bäumen unerlässlich sei, um Bodenbrüter besser zu schützen. Mit einem Anflug von Zynismus stellte Volkert fest: „Nun endlich ist die Wissenschaft auf dem Erkenntnisstand der praktizierenden Landwirte – und schon wird versucht mit Fokus auf Insekten von dieser Erkenntnis abzulenken“. Volkert forderte deshalb: „Wir brauchen keine Agrarwende, sondern eine Naturschutzwende“. Der Landwirt lobte in diesem Zusammenhang die konstruktive Zusammenarbeit mit dem LBV-Vorsitzenden Norbert Schäffer.

Mit freundlicher Genehmigung durch Robert Schmitt

 


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